Aktuelle Therapieoptionen der akuten Hepatitis C
Zunächst: Im folgenden Text begegnet man immer wieder dem Begriff "Logstufe". Deshalb hier vorab eine vereinfachte Erklärung dazu: Streichen Sie einfach pro Logstufe eine Stelle bei der Ausgangsvirenlast.
Beispiel für 2 Logstufen: Ausgangsvirenlast 850 000 IU/ml, 2 Logstufen weniger sind dann 8 500 IU/ml
Von einer akuten Hepatitis C spricht man, wenn die Infektion innerhalb der ersten
6 Monate nach einem Infektionszeitpunkt nachweisbar ist. Ist der Virennachweis nach diesem Zeitraum noch zu führen, spricht man von chronischer Hepatitis C.
Eine akute Hepatitis C heilt in den seltensten Fällen von alleine aus. Deshalb wird empfohlen, bei der akuten Form innerhalb der ersten 3 - 4 Monate eine Therapie einzuleiten, da die Heilungschancen bei einer akuten Hepatitis C weitaus größer sind als bei der chronischen Hepatitis C.
Die Behandlung erfolgt als Monotherapie mit Interferon und dauert in der Regel 24 Wochen.
Allerdings wird eine akute Hepatitis C sehr selten erkannt. Deshalb können nur wenige dieser Patienten behandelt werden. Die Behandlung der akuten Hepatitis C sollte möglichst innerhalb einer Studie stattfinden.
Therapie der chronischen Hepatitis C
Besteht die Infektion länger als sechs Monate spricht man von einer chronischen Hepatitis C.
Bislang hat man nach einem relativ festen Schema therapiert in Form einer Standardtherapie.
Die Standardtherapie bestand in der Behandlung mit pegyliertem Interferon-Alpha (PEG-IFN) in Kombination mit Ribavirin.
Genotyp 1 + 4 wurde über 48 Wochen und Genotyp 2 + 3 über 24 Wochen behandelt.
Zeigte sich nach 12 Wochen kein oder ein zu geringes Ansprechen, wurde bisher die Therapie beendet.
Vereinzelt gingen Ärzte dazu über, diese Patienten länger zu therapieren und man stellte fest, dass Patienten, die zwar zu Woche 12 ein zu geringes Ansprechen zeigten, aber zu Woche 24 unter der Nachweisgrenze lagen, die Therapie mit einer Verlängerung durchaus erfolgreich beenden konnten.
In den letzten Jahren wurden verschiedene Studien durchgeführt, um die Therapiedauer zu optimieren. Dadurch entwickelten sich neue Therapieschemata.
Im Juni 2008 wurden neue Empfehlungen beschlossen und ein Manuskript erstellt. Die Veröffentlichung der neuen Leitlinien (siehe Fußnote *) soll im Laufe des Jahres 2009 erfolgen. Aber schon jetzt richten sich viele behandelnde Ärzte im Wesentlichen nach den neuen Empfehlungen, die auch bereits in den Fachinformationen und Patienteninformationen der Medikamente aufgeführt sind.
Was bedeuten diese Leitlinien?
Mit diesen Leitlinien wird den behandelnden Ärzten konkrete Hilfestellung in der diagnostischen und therapeutischen Entscheidung gegeben und gleichzeitig können sich Patienten einen Überblick verschaffen, wie eine Behandlung der Hepatitis C bei ihnen aussehen kann. Die Leitlinien stellen allerdings keine Handlungsanweisung dar. Sie beschreiben einen Standard, von dem in begründeten Fällen auch abgewichen werden kann oder muss.
Die Behandlung sollte von einem Arzt eingeleitet und überwacht werden, der sehr erfahren ist mit der Behandlung der Hepatitis C.
Ich möchte Ihnen hier einen groben Überblick über die derzeitigen Empfehlungen zur Behandlung der chronischen Hepatitis C geben.
Neue Leitlinien 2008/2009
Was hat sich geändert?
Die Medikamente sind gleich geblieben. Empfohlen wird weiterhin eine Therapie mit pegyliertem Interferon-Alpha und Ribavirin. Neue Medikamente, wie z.B. Proteasehemmer, werden derzeit noch in Studien geprüft. Mit einer Zulassung wird erst in zwei oder drei Jahren gerechnet. Deshalb wurden diese (neuen) Medikamente noch nicht in den neu überarbeiteten Leitlinien behandelt.
Geändert hat sich die Länge der Therapie. Eigentlich kann man nicht mehr von "der Standardtherapie" sprechen, denn es wird in zunehmendem Maße individuell therapiert.
Individuell bedeutet, dass nicht mehr nur der Genotyp ausschlaggebend ist für die Therapiedauer, sondern auch, wie hoch die Virenlast zu Therapiebeginn ist und wie schnell ein Ansprechen der Therapie anhand der Virenlast erkennbar ist. Die Therapiezeit kann länger oder kürzer sein, als es bisher bei der Standardtherapie der Fall war. Die Empfehlungen gehen dahin, dass die Anfangsvirenlast und die Viruskinetik (wie schnell die Virenlast sinkt bzw. zu welchem Zeitpunkt keine Viren mehr nachweisbar sind) berücksichtig werden soll. Auch individuelle Begebenheiten müssen mit in die Entscheidung einbezogen werden.
Viruskinetik/Therapieansprechen
Man unterscheidet:
Rapid-Responder (schnelles Ansprechen; bereits zu Woche 4 HCV-RNA negativ)
Standard-Responder (HCV-RNA negativ zu Woche 12)
Slow-Responder (langsames Ansprechen; HCV-RNA negativ zu Woche 24)
Die Therapieoptionen (Ersttherapie)
Genotyp 1
Voraussetzungen für eine 24 Wochen Therapie bei sehr schnellem Therapieansprechen (Rapid-Respondern)
- niedrige Ausgangsvirenlast (bei Therapie mit peg. Interferon alpa2b weniger als 600.000 IU/ml, mit peg. Interferon alpha2a weniger als 800.000 IU/ml)
- keine Fibrose, keine Zirrhose
- kein metabolisches Syndrom (zusammen auftretende Störungen von Übergewicht, erhöhte Blutzuckerwerte, Fettstoffwechselstörungen, Bluthochdruck)
- keine Insulinresistenz (der Körper erkennt das eigene Insulin nicht mehr richtig und kann deshalb den Zucker im Körper nur noch eingeschränkt verarbeiten.)
- keine Fettleber
- und bereits zu Woche 4 keine Viren mehr nachweisbar
Eine 48 Wochen-Therapie bei Standard-Responder.
Hier hat sich nichts geändert, behandelt wird wie bisher bei der Standardtherapie:
zu Woche 12 muss die Virenlast unter der Nachweisgrenze sein bzw. mindestens um 2 Logstufen gefallen sein
Eine Therapie von 72 Wochen soll bei Spätansprechern durchgeführt werden, wenn die Virenlast zu Woche 12 mindestens um 2 Logstufen gefallen ist, aber der erst zu Woche 24 unter der Nachweisgrenze ist
Ein Abbruch der Therapie bei Genotyp 1 wird empfohlen, wenn die Virenlast zu Woche 12 nicht mindestens um 2 Logstufen gefallen ist bzw. bei Woche 24 immer noch nachweisbar sind.
Natürlich muss insbesondere bei der verlängerten Therapie, wie sonst ja auch mmer, die individuellen Begebenheiten beachtet werden. (z.B. Blutbildabfall oder sehr starke Nebenwirkungen etc.)
Genotyp 2/3:
Eine Therapie über 16 Wochen kann bei Patienten durchgeführt werden, die
eine Ausgangsvirenlast weniger als 800 000 IU/ml haben und
bereits zu Woche 4 keine Viren mehr nachweisbar sind
Eine Therapie, wie bisher über 24 Wochen, wird durchgeführt, wenn
die Ausgangsvirenlast mehr als 800 000 IU/ml beträgt
Eine 48 Wochen Therapie soll durchgeführt werden, wenn
erst zu Woche 12 HCV-RNA "negativ" erreicht werden konnte.
Ein Abbruch der Therapie bei Genotyp 2/3 wird empfohlen, wenn die Viruslast zu Woche 12 weniger als 2 Logstufen2 abfällt.
Die Virenlast soll immer mit einem hochsensitiven Test überprüft werden. Dies bedeutet, dass die untere Nachweisgrenze des
verwendeten Tests bei mind. 12-15 IU/ml liegen soll. Manchmal werden auch noch Tests mit einer Nachweisgrenze bis kleiner als 50 IU/ml verwendet. Das ist evtl. noch vertretbar.
Die Genotypen 4, 5 und 6
werden bislang wie Genotyp 1 therapiert.
Patienten, bei denen die Ersttherapie erfolglos war
Zeigt eine Therapie nicht den gewünschten Erfolg, nämlich die Elimination der Viren, ist eine weitere Behandlung als Re-Therapie prinzipiell möglich.
Die Chancen bei einer Re-Therapie bei Patienten mit einem Rückfall sind recht gut, weil bei der Ersttherapie mindestens ein zeitweiliges Ansprechen erreicht wurde.
Ausschlaggebend ist die Überprüfung der Ersttherapie in Bezug auf die Art der Therapie (Mono- oder Kombi-Therapie), Dosierung der Medikamente und Länge der Therapie.
Oftmals ergeben sich durch die neuen Therapieoptionen bessere Möglichkeiten als bei der ersten Therapie, gerade auch bei Patienten, bei denen die erste Therapie schon einige Jahre zurückliegt.
Bei Non-Respondern sind die Erfolgsaussichten nicht so groß, denn bei Ihnen hat die Therapie, auch nicht zeitweise, angesprochen. Aber auch hier lohnt sich eine Überprüfung, ob durch neuere, bessere oder andere Therapiestrategien doch noch eine Therapieoptimierung stattfinden kann.
Die Entscheidung für eine weitere Therapie hängt von weiteren Faktoren ab, z.B. wie stark ist die Leber bereits geschädigt, das Alter des Patienten und einiges mehr.
Ist die Leber noch nicht oder nur wenig geschädigt, kann ein Abwarten auf neue Medikamente (zusätzlich zu Interferon und Ribavirin) sinnvoll sein. Je stärker die Leber geschädigt ist, desto schneller wird man sich zu einer weiteren Therapie entscheiden.
Leberzirrhose
Patienten, die bereits eine Leberzirrhose zeigen, sollten unter Beachtung möglicher Gegenanzeigen unbedingt therapiert werden.
Auch eine dekompensierten Leberzirrhose (also keine ausreichende Leberfunktion mehr und Symptome wie Bauchwassersucht, erhöhten venösen Druck im Pfortadersystem, hepatische Enzephalopathie) wird unter bestimmten Umständen antiviral behandelt. Wird eine Lebertransplantation nötig und ist auch möglich, wäre es ideal, wenn der Patient HCV-RNA negativ ist, um einer mögliche Re-Infektion der neuen Leber vorzubeugen.
Aber diese Patienten dürfen nur von erfahrenen Experten behandelt werden in Zusammenarbeit mit einem Transplantationszentrum.
Kinder ab 3 Jahre und Jugendliche
Auch Kinder und Jugendlich können therapiert werden. Die Erfolgsaussichten sind ähnlich wie bei Erwachsenen. Die Therapie sollte jedoch nur von sehr erfahrenen Spezialisten durchgeführt werden.
Informationen zur Therapie bei Kindern finden Sie hier:
http://www.hepatitis-kinder.de/hepatitis_c-therapie.html
Langzeit - bzw. Erhaltungstherapie
Eine Langzeit- bzw. Erhaltungstherapie wird derzeit nicht mehr empfohlen. Durchgeführte Studien (Halt-C-Studie und COPILOT-Studie) zeigten, dass nicht der gewünschte Erfolg erreicht wurde.
Quelle: http://www.hepatitisandmore.de/archiv/2008-1/FoBiBerg.shtml
Ko-Infektionen
Auch bei Ko-Infektionen (HIV, Hepatitis B) ist eine Behandlung der Hepatitis C möglich bzw. erforderlich. Wegen der speziellen Begebenheiten sollte diese Therapie allerdings von Ärzten durchgeführt werden, die hierfür spezielle Erfahrungen haben.
(*)
Beteiligt an der Ersellung der Leitlinien waren 150 Experten, sowie viele Fachgesellschaften:
Deutsche Gesellschaft für Stoffwechsel- und Verdauungsstörungen
Deutsche Gesellschaft für Virologie
Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Gastroenterologie
Österreichische und schweizerische Gesellschaft für Gastroenterologie und Hepatologie
Verschieden Arbeitsgruppen (Leiter der Gruppen in Klammern):
Definition und Diagnosestellung der Hepatititis C Virus-Infektion (S. Ross, P. Schirmacher)
Akute Hepatitis C und Prophylaxe (H. Wedemeyer)
Indikationsstellung zur Therapie der chronischen Infektion (T. Berg)
Therapie der chronischen Hepatitis C (C. Sarrazin)
Hepatitis C bei Transplantation (U. Neumann, H. Schmidt)
Koinfektionen bei Hepatitis C (U. Spengler)
Hepatitis C bei Kindern (S. Wirth
Quellen: Hepatitis&more, sowie Gebrauchsinformationen der relevanten Medikamente